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Marion Dirks - Reden


Rede anlässlich der Unterzeichnung der
Beitrittsurkunde für das Riga-Komitee am 6. Juni 2005
in Anwesenheit des Ehrengastes Prof. Dr. Gertrude
Schneider, Zeitzeugin und Historikern aus New York

- Es gilt das gesprochene Wort -

Verehrte Frau Prof. Dr. Schneider,
sehr geehrter Herr Landrat Püning,
sehr geehrter Herr Suwelack
sehr geehrte Damen und Herren,

heute wird hier in unserem Rathaus der Beschluss des
Billerbecker Stadtrates vom 15. März 2005 vollzogen.

Unsere Stadt tritt -  genau 60 Jahre nach Kriegsende -
dem Deutschen Riga-Komitee bei.

Die Repräsentanten von 13 deutschen Großstädten und
der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräber-
fürsorge haben am 23. Mai 2000 in Berlin das "Deutsche
Riga-Komitee" gegründet. Beteiligt waren Berlin, Bielefeld,
Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln,
Leipzig, Münster, Nürnberg, Osnabrück und Stuttgart. In
den Jahren 2001 bis 2003  sind noch Bocholt, Kiel, Lübeck,
Wien, Bremen, Paderborn, Steinfurt, Warendorf und
Dresden dem Komitee beigetreten.

Aufgabe dieses Zusammenschlusses ist es, an das
Schicksal von über 25.000 deutschen Juden zu erinnern,
die in den Jahren 1941/42 nach Riga deportiert und in
ihrer überwiegenden Zahl im Wald von Bikernieki ermordet
worden sind. Der Volksbund errichtete in Zusammenarbeit
mit seiner lettischen Partner-Organisation und der
Stadtverwaltung Riga den Opfern eine  Gräber- und
Gedenkstätte. Die Einweihung fand  2001 statt, 60 Jahre
nach Beginn der Deportation.

Mit der  Pflege der Anlage durch lettische und deutsche
Jugendliche wird ein lebendiges Band der Erinnerung und
der Begegnung geknüpft werden zwischen Riga und den
deutschen Städten, von denen damals die
Sammeltransporte ausgingen. Billerbeck möchte dieses
Band verstärken.

Denn auch Billerbeckerinnen und Billerbecker wurden
nach Riga deportiert und dort wahrscheinlich ermordet.

Schülerinnen und Schüler der Städtischen Realschule
machten sich in ihrer Arbeitsgemeinschaft „Spuren finden“
auf  die Suche und verfolgten die Spur der Geschwister Eva
und Rolf Eichenwald. Die beiden Kinder wurden gemeinsam
mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter nach Riga deportiert.
Die jungen Leute ließ das Schicksal der beiden nicht los. Sie
nahmen Kontakt zu Ihnen, sehr verehrte Frau Prof.
Schneider auf, um Ihr Wissen als Zeitzeugin für Ihre Arbeit
zu nutzen. Heute dürfen wir Sie hier in Billerbeck herzlich
willkommen heißen. Ihrem Engagement gilt unser herzlicher
Dank.

Als Zeitzeugin und Historikerin berichten Sie in dieser
Woche auf zahlreichen Veranstaltungen von den
Deportationen und dem Ghetto in Riga. Fast 25.000
Deutsche, Österreicher und Tschechen jüdischer Konfession
wurden im Winter 1941/42 und im Sommer 1942 ins
Baltikum verschleppt, nur wenig mehr als 1.000 überlebten
die Internierung.  Sie selbst, verehrte Frau Prof. Dr.
Schneider, verbrachten ihre Jugend im Rigaer Ghetto,
geprägt von Terror und Tod, Krankheit und Hunger, aber
auch von der Notwendigkeit, einen geregelten Alltag unter
den herrschenden Zwangsbedingungen aufrecht zu
erhalten.

Der Billerbecker Rat drückt mit seiner Beitrittsentscheidung
seine Verbundenheit aus: zur Hansestadt Riga, zu den
jüdischen Familien, zu den Jugendlichen, die nicht stehen
bleiben bei der  Frage: Wie konnte die Welt das mit
anschauen? Wie konnte Gott das zulassen?

Die wirklich wesentliche und mutige Frage ist, wieso wir
heute Ungerechtigkeit, Rassenhass, Vorurteile und
herzlose Gleichgültigkeit - wo immer sie vorkommen -
hinnehmen und tolerieren können. "Nie wieder!" - richtig
verstanden - verpflichtet uns nicht nur, der Vergangenheit
zu gedenken, sondern vor allem dazu, uns für eine bessere
Zukunft einzusetzen. In einer jüdischen Erzählung fragt ein
Rabbi seinen Schüler, wo denn der Übergang von der Nacht
zum Tag zu finden sei. Der antwortet: "Wenn du ein
Menschenantlitz siehst und du siehst darin das Antlitz
deines Bruders, deiner Schwester, dann ist die Nacht
vorüber und der Tag leuchtet auf."  Und da möchte ich noch
hinzufügen: Nur wenn wir im Mitmenschen die Schwester
und den Bruder sehen können, finden Menschen
Geborgenheit, Zukunft und Heimat. Nur dann werden auch
unsere Stadt und unser Land zukunftsfähig und bekommen
ein menschliches Gesicht.

Zur notwendigen neuen Sprache der Erinnerung gehört
ganz bestimmt auch die persönliche Auseinandersetzung
eines jeden Einzelnen von uns mit der Shoa. Das hängt mit
der Psychologie des Menschen zusammen. Wir haben die
Neigung, gegenüber anderen, die leiden, mit moralischer
Gleichgültigkeit zu reagieren.

Das zeigt sich am Wegschauen, an der stillschweigenden
Duldung von Aggression, die in aktive Gewalt bis hin zur
Verrohung umschlagen kann. Wir machen uns oft zu wenig
klar, wie dünn die Tünche der Zivilisation ist. Wir müssen
lernen, das Eigene im Anderen zu erkennen. Wir dürfen
Vereinzelung, moralische Gleichgültigkeit, Passivität,
Anpassung an Strukturzwänge, Aufgabe von Spontaneität
und Kreativität, Mangel an Zivilcourage, Übervorteilung,
Doppelbödigkeit nicht hinnehmen.  Die Auseinandersetzung
mit unserer Geschichte und das Gedenken an die Opfer ist
notwendig - nicht als Pflichtübung oder aus Gewohnheit.
Nein, vielmehr geht es um die Erinnerung eines jeden
Einzelnen, weil die negativen Potenzen im Menschen immer
präsent sein werden. Und auch weil menschliches
Vorstellungsvermögen das Grauen nicht erfassen kann, ist
dies eine nie endende Aufgabe.

Erinnerung ist der notwendige erste Schritt, um eine Wiederholung zu verhindern. Deswegen sollen und können wir all unser Gutes aufbieten gegen die Anfänge gefährlicher Entwicklungen und gegen Gleichgültigkeit.

Setzen wir also gegen Gedankenlosigkeit Geistesgegenwart, gegen Wegschauen Hinschauen, gegen naives Nichtwissen bewusste Aneignung, gegen Gleichgültigkeit Sympathie, gegen Verachtung Identifikation, gegen Herabsetzung Unterstützung, gegen Intrigen Offenheit, gegen Lüge Wahrhaftigkeit, gegen Schweigen Gespräch, gegen Verrat Freundschaft, gegen Mittäterschaft Widerstand und gegen Grausamkeit Liebe. In solch persönlicher Auseinandersetzung, in solcher Erinnerung, die zum Handeln, einem veränderten Handeln führt, ist Gedenken mehr als ritualisierte Pflichtübung. Dann birgt Gedenken die Chance, den Anfängen zu wehren, die eigene Verantwortung zu erkennen und Menschlichkeit zu bewahren.

Ich freue mich sehr darüber, dass die Stadt Billerbeck durch das Engagement der Wolfgang Suwelack-Stiftung auch einen finanziellen Beitrag für das Riga-Komitee leisten kann.

Ich freue mich ebenso darüber, dass die Schülerinnen und Schüler der Städt. Realschule Billerbeck mir einiges voraus haben: Sie haben Riga bereits einen Besuch abgestattet und Kontakte zu einer Schule geknüpft. Eine Abordnung dieser Schule konnte ich bereits hier im Rathaus begrüßen. Ich wünsche mir noch viele wichtige Kontakte, die dazu beitragen, dass wir ein herzliches Miteinander leben können.

Marion Dirks

Weihgarten 2
48727 Billerbeck

Telefon 02543 25260
Telefax 02543 25261
info@mariondirks.de

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