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Marion Dirks - Reden


Rede anlässlich der Feierstunde der IG Metall
zur Ehrung langjähriger Mitglieder 2005

- Es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, hier vor Ihnen heute Abend sprechen
zu dürfen. Gut sechs Wochen bin ich im Amt als neue
Bürgermeisterin der Stadt Billerbeck. Bis zu meiner Wahl
am 10. Oktober war ich Betriebsrätin und stellvertretende
Vorsitzende des Pressevereins Münsterland im Deutschen
Journalistenverband. Mein Mann leitet einen
mittelständischen Handwerksbetrieb, ich selbst bin nun
Chefin einer kleinen Stadtverwaltung. Sie sehen, dass
meine Erfahrungen in der Arbeitswelt vielfältig sind, dass
ich verschiedene Perspektiven kenne und dass ich daher
manche Dinge anders sehe als andere Menschen in
vergleichbaren Positionen.

Den Menschen in der Arbeitswelt zu sehen, die Arbeit zu
humanisieren, tragfähige wirtschaftspolitische Modelle zu
entwickeln - das waren, das sind Anliegen, die
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer umtreiben.
Denn genau das es ist eine entscheidende Frage unserer
Zukunft. Die Bedürfnisse der Menschen müssen mit den
Erfordernissen des Wirtschaftens in übereinstimmen.

Diese Frage ist von drängender Aktualität, denn der
Wandel, der sich heute in Arbeitswelt und Ökonomie
vollzieht, hat offenbar ein Ausmaß wie schon seit
Jahrzehnten nicht mehr. Deshalb gehen die Fragen nach
Humanisierung der Arbeit, Interessenausgleich und
Zukunftsfähigkeit die ganze Gesellschaft an, bewegen
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie Politikerinnen
und Politiker sowie Unternehmerinnen und Unternehmer.

Ich will jetzt nicht die Floskel bemühen, dass wir alle in
einem Boot sitzen; es gab und gibt - zum Teil sogar große -
Interessengegensätze zwischen Arbeitnehmern,
Arbeitgebern und Politikern. Doch es ist das Wesen einer
Demokratie, unterschiedliche Standpunkte auch
auszufechten und sich bei bahnbrechenden Maßnahmen
um Konsens zu bemühen.

Den wirtschaftlichen Strukturwandel zu händeln, das ist
eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Was er
für Folgen haben wird für das Erwerbsleben, die
Ausgestaltung von Arbeitsplätzen, ja, für die Gesellschaft
insgesamt, ist wohl noch gar nicht völlig abzusehen.
Vieles ist im Fluss, manche Entwicklungen lösen bei den
Betroffenen große Besorgnis aus, manche Modelle
versprechen auch neue Chancen.

Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht nach wie vor
die Sicherung vorhandener und die Schaffung neuer
Arbeitsplätze. Immer noch werden Arbeitsplätze
wegrationalisiert und abgebaut, während Hundert-
tausende von Menschen einen neuen Job suchen.
Immer noch gibt es in einer Reihe von Branchen nur wenig
Bereitschaft, neues Personal einzustellen, während in
anderen Zweigen händeringend Spezialisten und
Facharbeiter gesucht werden. Hier muss verstärkt das
Augenmerk darauf gelenkt werden, genauere
Bedarfsanalysen zu erstellen und den Nachwuchs
zielgerichtet auszubilden.

Die ökonomischen und sozialen Unterschiede zwischen
den alten und den neuen Bundesländern nach wie vor
gravierend sind.

Das macht sich insbesondere beim Problem der Armut
bemerkbar, die es auch in unserer eigentlich reichen
Gesellschaft in zunehmendem Maße gibt. Die Schere
zwischen Armen und Reichen ist in den letzten Jahren
weiter auseinander geklafft - mit der Folge, dass jeder
fünfte Westdeutsche und sogar fast jeder dritte
Ostdeutsche in relativer Armut lebt, also nur weniger
als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur
Verfügung hat.

Hier bedarf es noch vieler Anstrengungen, um
Ungleichheiten aufzuheben und die Wirtschaft zu
konsolidieren; hier bedarf es noch vieler Anstrengungen,
um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und neue
Beschäftigungsmodelle zu entwickeln, die auf veränderte
Anforderungen und Nachfragen reagieren.

Allerdings sollte der Standort Deutschland auch nicht
schlechtgeredet werden, wie es teilweise schon üblich
war. Und es sollte anerkannt werden, dass nicht nur
niedrige Löhne ein Standortvorteil sind. Auch qualifizierten
und spezialisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern,
wie wir sie hier bei uns vorfinden, kommt eine nicht zu
unterschätzende Bedeutung im Wirtschaftsleben zu.

In der Wirtschaft kann sich nicht alles um den
Shareholder-Value drehen - was im Übrigen auch Manager
durchaus zugestehen. Auch das Humankapital - wie es so
schön oder unpersönlich heißt - spielt eine wesentliche
Rolle. Humankapital steckt nicht nur in den Bossen und
Managern, die ein Unternehmen leiten und die die großen
Entscheidungen treffen. Humankapital steckt vielmehr auch
in jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter; auch sie
bringen ihre Arbeitskraft voll ein, sie kennen den Betrieb
und die Produktionsabläufe ganz genau und sehen
deshalb manchmal eher, wo und warum es irgendwo hakt.

Das zeigt sich insbesondere bei den Vorschlägen, die
Mitarbeiter zur Verbesserung der Betriebsabläufe
einbringen. Sie haben  deutschen Unternehmen Milliarden
eingespart. Hier liegt offenbar ein großes kreatives
Potenzial vor - wurden doch mehr als eine Million Ideen
eingereicht. Sie bezogen sich sowohl auf ökonomische und
technische als auch auf soziale und ökologische Faktoren.
Und fast zwei Drittel aller Vorschläge haben sich für die
jeweilige Firma als nutzbringend erwiesen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren und
einzubeziehen ist deshalb für ein modernes Management
unverzichtbar. Sie zu beteiligen macht das Wirtschaftsleben
menschlicher, und selbstverständlich werden sich nur
diejenigen, die einbezogen sind, auch engagieren - was
wiederum zu einem Standortvorteil werden kann. Wie das
Deutsche Institut für Betriebswirtschaft herausfand, tragen
die innovativen Ideen der Belegschaften dazu bei, die
Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen zu stärken.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind daran beteiligt,
den Betrieb in Gang zu halten; sie sind daran interessiert,
wirtschaftspolitische Modelle für die Zukunft zu entwickeln
Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gucken nicht
nur in ihre Lohntüte, sie denken in größeren
Zusammenhängen. Sie tragen seit vielen Jahrzehnten ihre
Forderungen und Konzepte vor oder bekunden Solidarität
mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Weltregionen
bekunden.

Heute, in Zeiten von Individualismus und Ellbogen-
mentalität, winken so manche müde ab, wenn sie den
Begriff "Solidarität" hören. Aber das Prinzip
gemeinschaftlichen Handelns, der Wert von Gemeinsinn
hat bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren.

Das gilt nicht nur bei arbeitsspezifischen Fragen, das gilt
heute auch, wenn wir an das Problem wachsenden
Rechtsextremismus denken. Hier sind wir alle dazu
aufgerufen, uns mit den Menschen in unserem Land
solidarisch zu zeigen, die von Fremdenfeindlichkeit,
Antisemitismus und rassistischen Gewalttaten betroffen
sind. Es ist unser aller Aufgabe, dem Rechtsextremismus
zu begegnen. Die Gesellschaft ist im vergangenen Jahr
durch die Zunahme von Anschlägen aufgerüttelt worden
und jetzt dürfen wir in unseren Bemühungen nicht
nachlassen, antidemokratische Äußerungen und Aktivitäten
zu bekämpfen. Und zwar jeder an seinem Platz und mit
seinen Möglichkeiten.

Rechtsradikalismus ist kein spezielles Problem der
Arbeitswelt, sondern ein gesamtgesellschaftliches.
Es hat nur insofern Auswirkungen auf die Wirtschaft, als
Weltoffenheit heute eigentlich schon ein Standortfaktor ist.
Denn ohne internationale Zusammenarbeit, ohne Exporte,
ohne ausländische Investitionen kann heute kein
Unternehmen, kann kein Land mehr existieren.

Aber bei Gewalt gegen Fremde, fremd Aussehende und
Andersdenkende geht es nicht um ein Standortproblem.
Hier geht es um simplen menschlichen Anstand, um die
Grundregeln der Zivilgesellschaft. Hier geht es um das
Postulat des Grundgesetzes, dass die Würde des
Menschen unantastbar ist. Ich bin sicher, Sie alle, sehr
verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, stimmen mir hier zu.
Denn Menschen als Menschen zu sehen und ihre Würde zu
wahren, muss unser aller Anliegen sein.

Meine Damen und Herren!

In unserer schnelllebigen Zeit hat es fast schon
Seltenheitswert, wenn jemand wie Sie auf eine langjährige
Zugehörigkeit zu einer Organisation zurückblicken oder gar
ein hohes rundes Jubiläum feiern kann. 25, 40 oder gar 50
Jahre  sind Sie nun Gewerkschaftsmitglied.

Heute ist es ganz offensichtlich, wie sehr Ihre Kolleginnen
und Kollegen Ihr langjähriges Wirken schätzen. Mit dieser
kleinen Feierstunde möchten sie Ihnen für die gute
Zusammenarbeit und Ihre Beteiligung an zahlreichen
Aktionen und Projekten der IG Metall danken. Und auch ich
freue mich, Ihnen heute persönlich gratulieren zu können.

Es waren ereignisreiche Jahre, die Sie mit und in der IG
Metall erlebten.

Sich für die Belange und die Rechte der Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer einzusetzen war Ihr Ansporn, als Sie in
die Gewerkschaft eintraten, und diesem Ziel sind Sie bis
heute verpflichtet geblieben. Sie standen nicht ganz in
vorderster Reihe und haben auch keine großen Reden
geschwungen. Aber mit Ihren Mitteln haben Sie sich stets
für soziale Gerechtigkeit stark gemacht. Es war und ist
Ihnen wichtig, sowohl die Kolleginnen und Kollegen zu
motivieren als auch die gewerkschaftlichen Anliegen nach
außen zu tragen; es war und ist Ihnen wichtig, für
Solidarität zu werben.

Auch Gewerkschaften sind ein großes Getriebe, in dem die
einzelnen Rädchen auf den ersten Blick nicht so auffallen.
Aber ohne diese Einzelnen würde das Ganze nicht
funktionieren; auch in einem großen Gefüge kommt es auf
jeden Einzelnen an. Jeder wird gebraucht, ganz gleich, an
welchem Platz er steht.

Womöglich gilt dies heute noch mehr als damals, als Sie in
die IG Metall eintraten. Denn die Veränderungen, die sich in
unserer Gesellschaft vollziehen, sie betreffen auch und
gerade die Gewerkschaften. Trotz hoher Arbeitslosigkeit
und neuen, weniger abgefederten Beschäftigungsformen
laufen vielen Arbeitnehmervertretungen die Mitglieder
davon.

Schon lange ist es nicht mehr wie damals, zu Beginn Ihrer
Berufstätigkeit, mehr oder weniger selbstverständlich, sich
in einer Gewerkschaft zu organisieren. Vielmehr wird heute
auf Individualität gesetzt; vielmehr herrscht heute oft die
Auffassung vor, Gewerkschaften seien unflexibel oder
könnten nicht viel erreichen.

Strukturwandel ist neben Standortsicherung und
Globalisierung zum zentralen Begriff unserer Zeit
geworden. Und Strukturwandel heißt heute, dass wirklich
alle Regelungen auf dem Arbeitsmarkt Veränderungen
unterworfen werden. Das System der sozialen
Marktwirtschaft, wie es in der Bundesrepublik in
Jahrzehnten entwickelt worden ist, der so genannte
Rheinische Kapitalismus, sie stehen auf dem Prüfstand.
Neoliberale Konzepte sind auf dem Vormarsch; die
Forderung, den Kapitalismus zu disziplinieren, die einst
Marion Gräfin Dönhoff aufstellte, wirkt heute wie ein
Rezept von vorgestern.

Keine Frage: Reformen sind notwendig, auf dem
Arbeitsmarkt und für unsere Sozialsysteme. Da sind sich
alle einig. Innovationen werden gebraucht, das sagen
alle. Politiker wie Gewerkschafter und Unternehmer.

Denn Arbeit bestimmt unser Leben. Das Leben der
einzelnen Menschen und das Leben der Gesellschaft.
So wie Erwerbsarbeit den Lebensunterhalt der Einzelnen
sichert, so sichert sie über Steuern und Abgaben das
Bestehen der Gesellschaft.

Wer Arbeit, wer einen guten Job hat, kann am Wohlstand
partizipieren und persönliche Ziele erreichen. Solange wir
hochwertige und bedarfsorientierte Produkte herstellen,
können wir unseren Rang als Exportnation wahren, der
in den letzten Jahren das - wenn auch geringe -
Wirtschaftswachstum garantiert hat.

Konzepte zu entwickeln, wie wir mehr Arbeitsplätze
schaffen und soziale Sicherungen wahren können, ist
deshalb die Aufgabe unserer Zeit. Und dazu, meine Damen
und Herren, brauchen wir auch die Gewerkschaften. Sie
haben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die
Demokratie mit aufgebaut, sie haben nach der Wende von
1989 mit dazu beigetragen, in den neuen Bundesländern
neue Strukturen zu schaffen. Die Gewerkschaften haben
viel geleistet und viel erreicht, ohne sie sähe die
Bundesrepublik Deutschland anders aus als sie ist.
Sicher kann man das eine oder das andere an den
Gewerkschaften kritisieren. Aber es bleibt auch
festzuhalten, dass sie in ihrer langen Geschichte, die
vom Einsatz für soziale Gerechtigkeit geprägt ist, stets
Verantwortungsbewusstsein bewiesen haben.

In dieser Tradition stehen auch Sie,  verehrte Jubilare.
Und deshalb können Sie heute auch auf eine Reihe
erfolgreicher Kampagnen zurückblicken, die Sie
mitgetragen haben. Sie haben viele Herausforderungen
gemeistert und auch in stressigen oder hektischen
Momenten nie Ihren Humor verloren.

Es war für Sie nicht nur selbstverständlich, in Ihrer
Interessenvertretung aktiv zu werden, es gehört für Sie
einfach zu Ihrem Leben dazu. Und von den Erfahrungen
und Kenntnissen, die Sie im Laufe der Jahre angesammelt
haben, können nun Ihre jüngeren Kolleginnen und
Kollegen profitieren.

Ich darf Ihnen zum Abschluss herzlich gratulieren
und alles Gute wünschen.

Marion Dirks

Weihgarten 2
48727 Billerbeck

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Telefax 02543 25261
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